Forschung

SS 2015

WS 2014/2015

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Geschichte

Die Entstehung des Instituts für Theoretische und Angewandte Physik läßt sich bis zu Richard Koch zurückverfolgen. Er lehrte von 1891 bis 1919 an der Technischen Hochschule Stuttgart (TH) Experimentalphysik, Meteorologie und mathematische Physik, bzw. Theoretische Physik, wie das Fach seit 1898 hieß. Als Nachfolger bekleideten Max Abraham im Wintersemester 1919/20 eine Professur für Theoretische Physik und Erich Regener im Sommersemester 1920 eine ordentliche Professur für Physik. Regener stand auch dem Physikalischen Institut der Hochschule vor, das sich seinerzeit im Zentrum Stuttgarts in der Wiederholdstraße befand. Auf ihn geht die Diplomprüfungsordnung von 1921 zurück, die es erstmals ermöglichte, das Physikstudium an der TH Stuttgart mit dem Diplom (Dipl.-Ing.) abzuschließen. Ebenso ergriff er die Initiative, einen planmäßigen Lehrstuhl für Theoretische Physik in Stuttgart einzurichten. Zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg kam Erwin Schrödinger an die Hochschule. Er wird zwar im Verzeichnis für das Wintersemester 1920/21 als ordentlicher Professor für Theoretische Physik genannt, es muß jedoch angenommen werden, daß es eine außerordentliche Professur war.

Auf Erwin Schrödinger folgte am 1. April 1921 Peter Paul Ewald als außerordentlicher Professor auf den Lehrstuhl für Theoretische Physik. Nachdem Ewald einen Ruf an die Universität Münster abgelehnt hatte, erreichte er 1922 die Ernennung zum ordentlichen Professor an der TH Stuttgart. Allerdings war er nur für seine Person Ordinarius; die Planstelle, die er inne hatte, blieb zunächst eine außerordentliche Professur. Erst im Zuge von Bleibeverhandlungen im Jahre 1929 - er hatte einen Ruf an die Technische Hochschule Hannover erhalten - erwirkte Ewald die Gründung des Instituts für Theoretische Physik und die Umwandlung seiner Stelle in eine ordentliche Professur. Die Theoretische Physik sollte nicht nur ein eigenes Institut, sondern auch ein eigenes, neues Gebäude in der Seestraße im Stadtzentrum erhalten. Das Institut bezog den Neubau im Jahre 1930. Als Institutsleiter verfügte Ewald nun über höhere Sachmittel, über größere Autonomie in Bau- und Haushaltsfragen, über ein eigenes Gebäude mit mehr Raum und Möglichkeiten zur Durchführung von Experimenten sowie über eine zweite Assistentenstelle, die ebenfalls 1930 eingerichtet wurde.

Peter Paul Ewald verließ Deutschland nach eigenen Angaben im Jahre 1937. Es war im Wintersemester 1936/37 zu einem Affront gegen den Führer des Dozentenbundes gekommen. Der damalige Rektor der TH Stuttgart, Wilhelm Stortz, forderte daraufhin Ewald mit Hinweis auf seine jüdische Herkunft (Ewald galt nach den Nürnberger Gesetzen als "Vierteljude") auf, die Hochschule zu verlassen. Dennoch war es eher eine politisch begründete Emigration, wie Ewald in einem Interview im Jahre 1968 zu erkennen gab: Er sei nicht so sehr wegen des herrschenden Antisemitismus aus Deutschland hinausgetrieben worden, als vielmehr durch die Vorahnung, Deutschland würde in einen Krieg mit England und anderen Ländern verwickelt werden. Er befürchtete, festgehalten zu werden und für Hitler arbeiten zu müssen.

Über die rein inneruniversitären Angelegenheiten hinaus ist die fruchtbare Zusammenarbeit und der intensive personelle Austausch zwischen den Fakultäten Physik und Chemie der TH Stuttgart und dem damaligen Kaiser-Wilhelm-Institut für Metallforschung zu beachten. Ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse der 30er Jahre zeigt ein breites Angebot an Lehrveranstaltungen besonders in der Chemie, die habilitierte Mitarbeiter der Forschungseinrichtung durchführten. Auch die Personalunion der verschiedenen Institutsleitungen ist bemerkenswert. Hier sind vor allem Richard Glocker, Georg Grube und Ulrich Dehlinger zu nennen. Zu erwähnen ist auch, daß die Abteilung für Chemie ab 1935 den Studiengang Metallkunde bzw. Metallchemie anbot.

Zum Nachfolger von Peter Paul Ewald wurde der Theoretische Physiker Ulrich Dehlinger berufen. Ein zweites Ordinariat konnte kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges eingerichtet werden. Es entstand aus der Umwandlung eines Lehrstuhls für Technische Physik. Der erste Lehrstuhlinhaber war Erwin Fues. Das gemeinsame Institut der Professoren Fues und Dehlinger erhielt den Namen Institut für Theoretische und Angewandte Physik. Bereits Ewald arbeitete auf dem Gebiet der angewandten Physik. Aus der Sommerfeldschen Tradition kommend, hatte er zur Erforschung von Kristallstrukturen und Kristallplastizität experimentelle Arbeitsrichtungen am Institut für Theoretische Physik etabliert.

Das Institutsgebäude stand in dem von der Azenbergstraße, der Wiederholdstraße und der Seestraße umgebenen Hofareal in der Innenstadt von Stuttgart und war als "Kristallschuppen" bekannt. In der Nachkriegszeit erhielt zunächst 1959 Alfred Seeger einen Lehrstuhl für Festkörperphysik. Die Einrichtung weiterer Lehrstühle für Theoretische Physik legte eine Teilung des Instituts für Theoretische und Angewandte Physik nahe. So entstanden das Institut für Theoretische Physik mit drei Lehrstühlen und das Institut für Theoretische und Angewandte Physik mit zwei Lehrstühlen. Die letztgenannte Lehr- und Forschungsstätte führt heute die Sommerfeld-Ewald-Fues-Dehlingersche Tradition der Verbindung von Experiment und Theorie weiter.

In der Nachfolge von Professor Alfred Seeger entstanden zwei Professuren, eine für Experimentelle und eine für Theoretische Festkörperphysik. Somit gliederte sich bis zum 30. September 2012 das Institut für Theoretische und Angewandte Physik in drei Lehrstühle.

  1. Lehrstuhl für Theoretische und Angewandte Physik unter der Leitung von Prof. Dr. H.-R. Trebin.
  2. Lehrstuhl für Experimentelle Festkörperphysik, den von 1997 bis 2008 Prof. Dr. H. Dosch als Nachfolger von Prof. Seeger inne hatte.
  3. Lehrstuhl für Theoretische Festkörperphysik unter der Leitung von Prof. Dr. S. Dietrich.

Zum 30.09.2012 wurde das ITAP aufgelöst und ein neues Institut für Funktionelle Materie und Quantentechnologien gegründet. Der Lehrstuhl für Theoretische Festkörperphysik gliederte sich dem Institut für Theoretische Physik an. Für die beiden anderen Lehrstühle laufen derzeit Berufungsverfahren für die Neubesetzung.

Geschäftsführender Direktor des Instituts ist zur Zeit kommisarisch der Dekan Prof. Dr. rer. nat. Martin Dressel.